Leseprobe

Flieg Vogel, flieg!

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    von Katja Merkel

 

Aus Kapitel 3: Die Suche

Harry hat noch einiges zu tun auf der Ranch, bevor er Zeit hat, mir Wangerooge Island zu zeigen. Schließlich geht das Geschäft vor. So habe ich mir die Zeit genommen, mit dem Taxi wieder nach Halifax zu fahren, um mich zu beschäftigen. Halifax ist übrigens die Hauptstadt Nova Scotias. Einkaufen gehen oder einfach nur die Stadt anschauen. Den Tag voll und ganz genießen, wer weiß wann ich wieder mal in Kanada bin. Halifax gleicht aber fast einer normalen Großstadt in Deutschland. Überall Hochhäuser, Hotels, Parks, Einkaufszentren, Cafés, Restaurants und Menschen. Überall Menschen. Gleich als erstes lasse ich mich in einen schönen Straßencafé nieder. Die Sonne scheint und obwohl es noch nicht so warm ist, sitzen vielerorts die Menschen schon draußen. Genießen wir den März, so wie er ist. Es ist immer interessant welche Menschen an einen vorbeilaufen. Sie zu beobachten gleich noch interessanter. Eine Frau, die sich schon getraut hat einen Rock anzuziehen, hat ziemliche Probleme ihn an Ort und Stelle zu behalten, da durch manchen Straßen der Wind kräftig zu wehen scheint. Drei junge Männer laufen ihr hinter her um einen Blick unter ihren Rock werfen zu können. Ich muss lachen, als ich sehe, wie ihr Roch nun wirklich höher gleitet und die Männer noch ein klein wenig nachhelfen. Die Frau lasst sich das nicht gefallen, denn sie nimmt ihre Tasche und haut jedem der drei Männer eines über. Ein lustiger Anblick.

Ein kleines Kind, das von seinem Vater auf den Schultern getragen wird quengelt seine Mutter an, das es ein Eis haben möchte. Diese geht zu einem Eisstand auf Rädern und holt eine Waffel mit Schokoladeneis herbei. Das Kind, immer noch auf den Schultern des Vaters nimmt es freudig entgegen. Da beide Elternteile aufgeregt miteinander reden, merken sie nicht, wie der kleine Junge große Probleme hat, das Eis auf der Waffel zu halten. Plumps, und das Eis liegt genau auf dem Kopf des nun schreienden Vaters. Die Mutter lacht, während der Vater den Sohn von den Schultern nimmt und versucht das Eis von seinen Haaren zu entfernen. Ich muss mich zusammenreisen um nicht gleich laut los zu lachen. Es ist schon eigenartig wie viel Spaß man haben kann, wenn man nur Menschen beobachtet.

Irgendwie überkommt mir ein komisches Gefühl, als würde selbst ich beobachtet werden. Ich schaue mich um, doch kann ich niemanden erkennen, der mich anschaut. Etwas Flaues bewegt sich in meinem Magen. Wieder habe ich das Gefühl beobachtet zu werden. Dieses Mal schaue ich mich genauer um. Als mein Blick über den gegenüberliegenden Park vorbeieilt, erkenne ich, dass jemand schnell wegschaut, als ich hinblicke. Dieser Jemand sitzt auf einer Bank etwas vorgelehnt, die Arme auf seinen Knien liegend. Es ist ein junger Mann, dessen blondes Haar in der Sonne glänzt. Er hat eine blaue Jeans und ein schwarzes Hemd an, das oben etwas aufgeknöpft ist, wobei sein Oberkörper leicht hervorblinzelt. Sein Kopf ist weggeneigt, so dass er mich nicht anschaut. Er dürfte vielleicht fünfzehn Meter von mir entfernt sitzen. Ich auf einen Stuhl in einem Straßencafé, er auf einer Bank am Parkrand.

Plötzlich dreht er den Kopf wieder zu mir. Mein Magen dreht sich um. Er hat mich erwischt, wie ich ihn beobachtet habe. Doch ich kann einfach nicht wegschauen, selbst wenn ich wollte. Mein Herz beginnt zu rasen. Ich atme schwerer. Ich möchte nicht blinzeln, selbst wenn meine Augen schon weh tun, nur um diesen Augenblick nicht zu entgehen. Etwas magisches haftet an ihm. Etwas unbeschreibliches. Er schaut mir ins Gesicht, ich schaue ihm ins Gesicht. Niemand von uns beiden bewegt sich oder versucht den Blick auszuweichen. Alles um mich herum wird still…und auf einmal ist ein entsetzliches Geräusch neben mir zu hören. Etwas zerrt an meinem Arm, so dass ich gezwungen bin, meinen Blick von den Unbekannten mir gegenüber abzuwenden. Alles überschlägt sich auf einmal. Für einen kurzen Augenblick starre ich nur auf das, was neben mir passiert ist. Die Geräusche kommen wieder. Die Bilder bewegen sich weiter. Das Geräusch von vorhin kam von einem zerbrochenem Teller. Der feste Griff an meinem Arm war der eines Kellners, der sich noch versucht hat irgendwo festzuhalten, bevor er auf den Boden stürzte. Er ist scheinbar über einen Fuß der Frau vom Nachbartisch gestolpert, wobei er sein Tablett mit dem Teller fallen gelassen hat. Jetzt schreit er herum, warum sie nicht aufpassen konnte, wo sie ihre Füße hinstellt. Doch die Frau weißt jede Schuld von sich, da der Kellner ja aufpassen musste, wo er hinläuft. Ein kurzes Entschuldigung vom Kellner zu mir und ich wurde wieder vergessen. Der Geschäftsführer des Cafés kommt aus dem Haus geschritten und redet beruhigend auf die Frau und dem Kellner ein. Doch das alles interessiert mich nicht mehr. Ich drehe mich schnell wieder um, um zu sehen, ob der Mann mit dieser unglaublichen Energie immer noch auf der Bank sitzt. Vergebens. Die Bank ist leer. Dort sitzt niemand mehr. Scheiße! Schnell stehe ich auf, schaue nach links und nach rechts. Doch nirgends erblicke ich diese blonden Haare, dieses schwarze Hemd, dieses süße Gesicht. Verdammt! Niedergeschlagen lasse ich mich wieder auf meinen Stuhl fallen. Vielleicht habe ich mir die ganze Angelegenheit auch nur eingebildet. Aber dennoch, es war ein Gefühl das ich nicht beschreiben kann. Sehr eigenartig. Ich begebe meine Aufmerksamkeit wieder meinen Kaffee zu, wobei der fremde Mann immer mehr in Vergessenheit gerät.