Leseprobe

Das Geheimnis der Zeitreisenden

Wenn Unmögliches möglich wird

                        von Katja Merkel

Leseprobe

 

Aus Teil I – Gegenwart

 

[…] Seine Augen waren noch geschlossen, alles war dunkel und er spürte noch die Lippen von Leonie, die sich langsam entfernten. Doch es war kalt. Bitterkalt. Er spürte harten Boden unter seinen Füßen. Gänsehaut durchströmte ihn und er riss die Augen auf. Ein Hund lief bellend auf einer Straße, auf der er stand, an ihm vorbei in die dunkle Nacht hinein. Sie war weg, er war weg, alles war weg.

 

Es war unmöglich. Dies konnte nur ein Traum sein, sagte sich Erik. Verzweifelt kniff er sich in den Arm, zwar vergebens, denn er wachte nicht in seinem Bett auf. Nur mit einem Bademantel bekleidet, sah Erik sich um. Es war kalt. Wo war er? Wie war er dort hingekommen? Wo war Leonie, die er vor fünf Sekunden noch geküsst hatte?

Umgeben von einer dunklen Straße, allein und verlassen stand er dort. Sternenklare Nacht. Ein bellender Köter jaulte am Ende der Straße den aufgehenden Mond an. In den Hecken am Wegrand zirpten die Heuschrecken. Dank dem fahlen Licht des Mondes sah Erik, dass er sich mitten im Nichts befand. Kein Haus, kein Auto, kein Mensch zu sehen. Ungläubig fing Erik ein Selbstgespräch an: „Das alles kann nur ein Traum sein. So etwas gibt es in Wirklichkeit nicht. Menschen können nicht spurlos verschwinden und mit ihnen ganze Landschaften. Aber wie ist es passiert? Warum ist es passiert?“ Verwirrt machte Erik sich auf den Weg in die Dunkelheit hinein. Er würde schon auf jemanden treffen, der all das Geschehene erklären könnte. Zehn Minuten vergingen, dreißig Minuten vergingen, vierzig Minuten vergingen und mit ihnen auch Eriks Mut. Weit und breit gab es nichts, außer Felder, Wiesen und Wälder. Und diese einsame Straße ins Nichts. Kälte nagte an seinem Körper. Die einfachen Hauslatschen, die er noch anhatte, hingen schon in Fetzen herunter. Sie waren für weite Strecken nicht geeignet. Verzweiflung schoss in Erik hoch. Er war an einem Ort gelandet, in dem es nur ihn gab. Wurde er entführt? Hatten Außerirdische ihn weggebeamt? Kurioser Gedanke, dass dies ein anderer Planet sein sollte. Dabei sah alles so natürlich aus. Mit der einzigen Ausnahme, dass er nicht hier hergehörte. Ein verzweifeltes Lächeln huschte über Eriks Gesicht. Jämmerlich erfrieren würde er oder verdursten, sterben auf alle Fälle, da war Erik sich sicher. Mit Tränen kämpfend legte er sich auf eine Wiese neben der Straße. Müdigkeit überkam ihn. Solle er doch erfrieren. Leonie war weg, was wäre das Leben ohne sie wert? Da könnte er genauso gut sterben.

 

„Sieh einer mal den Penner an!“

„Sicher einer der Verfolgten.“

„Sollen wir ihn erschießen?“

Ein stechender Schmerz ließ Erik aus dem Schlaf reißen, wobei er laut aufschrie.

„Hab dich nicht so, Penner, wir sind nur dein Aufweckkommando.“

Wütend blickte Erik drei Männern ins Gesicht. Es war heller Tag. Ein blonder Halbwüchsiger stand neben ihm. Offenbar hatte dieser ihn gerade mit voller Wucht in die Rippen getreten.

„Was soll die Scheiße, Mann?“, beschwerte er sich bei dem Blonden.

„Wow, er ist sogar Deutscher!“, spottete ein älterer Mann. Erik fiel auf, dass alle drei Männer Uniformen anhatten. Soldaten?

„Aber ein ganz schön frecher. Sollten wir ihn nicht besser erschießen?“, fragte der Jüngling, der soeben dabei war, seine Waffe zu ziehen.

„Lass den Scheiß! Ich habe euch nichts getan.“

Die Soldaten beobachteten Erik skeptisch. Was sollten sie mit so einem anfangen?

„Hast du’n Ausweis bei dir?“, mischte sich der dritte Soldat nun ein.

„Seh‘ ich so aus? Ich weiß nicht mal, wie ich hier hergekommen bin. Wo bin ich hier?“

Der blonde Junge, der vielleicht 17 Jahre alt sein dürfte, verdrehte die Augen und meinte zu seinen Kumpels: „Der wurde sicher von seiner Frau hier rausgeschmissen, weil er zu viel gesoffen hat. Wo bin ich? Ha, dass ich nicht lache.“

„Sei still, Wolfgang. Sie sind in der Nähe von Cottbus, wissen Sie das etwa nicht?“ erklärte nun der ältere Soldat.

Cottbus? Erik verzweifelte zunehmend. Wie war er von der Schweiz bis nach Cottbus gekommen und das innerhalb weniger Sekunden? Er stand auf, als könnte er, wenn er größer war, erkennen, dass die Soldaten ihm die Wahrheit sagten und er tatsächlich in Cottbus war. Einen Augenblick später war ihm, als könnte er vor Übelkeit umfallen. Die Soldaten waren mit einem Auto gekommen. Allerdings war dies nicht der Grund, warum Erik schwindlig wurde. Das grüne Militärauto hatte ein dickes Hakenkreuz aufgeklebt. Als wäre das noch nicht genug, sah Erik, dass selbst die Soldaten mit einer Anstecknadel des Bundesadlers mit Hakenkreuz versehen waren. Panik schoss in ihm hoch. Entweder waren diese drei Burschen so dreist, in Nazi-Klamotten herumzulaufen, oder …

„Welches Jahr haben wir?“, fragte er hastig.

„April 1944. Hey Norbert, ich glaube wir nehmen ihn mal mit zum Generalleutnant Hinkler, schließlich können wir ihn ja schlecht hier liegen lassen, der ist total verwirrt und auf den Kopf gefallen.“

Erik schluckte. 1944! Deutschland 1944! Ihm wurde schwindlig und das Letzte, was er sah, war der lachende blonde Soldat Wolfgang. […]